Kapitel 04
Die US-Akten: 70 Jahre Geheimhaltung
Von Roswell über Project Blue Book bis zu den freigegebenen Navy-Videos — was die Akten belegen und wie oft die offizielle Version gedreht wurde.
Wer verstehen will, warum das UFO-Thema Jahrzehnte lang als Witz galt, muss nur eine einzige Woche im Sommer 1947 anschauen.
Roswell: Die Meldung, die nach einem Tag gedreht wurde
Am 8. Juli 1947 verschickt die Roswell Army Air Force Base in New Mexico eine offizielle Pressemitteilung: Man habe die Überreste einer «fliegenden Scheibe» geborgen. Die Schlagzeile geht um die Welt. Noch am selben Tag tritt General Roger Ramey in Fort Worth vor die Presse und korrigiert: alles nur ein Wetterballon. Die Fotografen dürfen Ballonfetzen ablichten, das Thema ist beerdigt.
Erst 1994 — 47 Jahre später — räumt die US Air Force offiziell ein, dass die Wetterballon-Geschichte nicht stimmte: Die Trümmer stammten aus dem damals streng geheimen Project Mogul, einem Programm zur Überwachung sowjetischer Atomtests. Man kann über Roswell denken, was man will — eines ist aktenkundig: Die Öffentlichkeit wurde 1947 bewusst falsch informiert, und die Korrektur kam fast ein halbes Jahrhundert später. Genau daran erinnert bis heute der «World Disclosure Day» am 8. Juli.
Project Blue Book: 701 ungelöste Fälle
Von 1952 bis 1969 untersuchte die US Air Force unter dem Namen Project Blue Book insgesamt 12’618 gemeldete Sichtungen. Die meisten liessen sich erklären — Ballone, Flugzeuge, Sterne, Täuschungen. Aber 701 Fälle blieben bis zum Schluss ungeklärt und stehen bis heute so in der Statistik.
Bemerkenswert ist, was die CIA-Akten über die Strategie jener Jahre verraten: Das Robertson Panel, ein 1953 von der CIA einberufenes Wissenschaftlergremium, empfahl ausdrücklich, Sichtungsberichte öffentlich zu entdramatisieren und zu «debunken», um das öffentliche Interesse zu senken. Das steht nicht in einem Verschwörungsblog — es steht in den freigegebenen Unterlagen der CIA selbst. 1969 wurde Blue Book auf Empfehlung des Condon-Reports eingestellt. Offizielle Linie für die nächsten Jahrzehnte: Es gibt nichts zu untersuchen.
2017: Die Wende
Am 16. Dezember 2017 enthüllt die New York Times, dass das Pentagon entgegen aller Beteuerungen sehr wohl weiter untersucht hatte: Das geheime Programm AATIP, finanziert mit 22 Millionen Dollar, analysierte Vorfälle von Militärpiloten. Mit dem Artikel gelangen drei Bordkamera-Videos der Navy an die Öffentlichkeit — FLIR, GIMBAL und GO FAST.
Am 27. April 2020 tut das US-Verteidigungsministerium etwas Historisches: Es gibt die drei Videos offiziell frei und bestätigt ihre Echtheit. Zum ersten Mal sagt der Staat selbst: Ja, diese Aufnahmen sind echt, und nein, wir wissen nicht, was das ist.
2021–2023: Berichte, Anhörungen, ein Eid
Der Rest ist jüngste Geschichte, und sie überschlägt sich:
- 25. Juni 2021: Der US-Geheimdienstkoordinator ODNI legt den ersten offiziellen UAP-Bericht vor — 144 dokumentierte Vorfälle von Militärpersonal, nur ein einziger konnte erklärt werden.
- 17. Mai 2022: Der Kongress hält die erste öffentliche UFO-Anhörung seit über fünfzig Jahren ab.
- 26. Juli 2023: Der frühere Geheimdienstoffizier David Grusch sagt unter Eid aus, die USA besässen geborgene Fluggeräte «nicht-menschlichen Ursprungs» samt biologischer Überreste. Neben ihm bestätigen die Kampfpiloten David Fravor und Ryan Graves ihre eigenen Begegnungen — ebenfalls unter Eid.
Und die Gegenseite?
Zur ehrlichen Berichterstattung gehört auch das: Die 2022 gegründete Pentagon-Stelle AARO erklärte im März 2024, sie habe keine überprüfbaren Belege für geborgene ausserirdische Technologie gefunden. Gruschs Aussagen stehen damit gegen die offizielle Untersuchung — Aussage unter Eid gegen Behördenbericht. Der vom Senat 2023 eingebrachte UAP Disclosure Act, der eine zentrale Freigabe aller Akten erzwingen sollte, wurde vor der Verabschiedung in wesentlichen Teilen gestrichen.
Genau in dieser Lücke lebt das Thema heute: Die Existenz unerklärter Phänomene ist offiziell bestätigt. Ihre Herkunft ist offiziell ungeklärt. Und die Akten, die den Unterschied machen könnten, sind — noch — verschlossen. Wie es weitergeht, erzählt das nächste Kapitel.
Quellen
- US Air Force: Project Blue Book, Abschlussstatistik 1969
- New York Times, 16.12.2017: Glowing Auras and 'Black Money'
- US-Verteidigungsministerium, Freigabe der UAP-Videos, 27.04.2020
- ODNI: Preliminary Assessment UAP, 25.06.2021
- US House Oversight Subcommittee, Anhörung vom 26.07.2023, Protokoll
- AARO: Historical Record Report Vol. 1, März 2024