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Dramatischer Himmel über nebliger Landschaft

Kapitel 06

Ezechiel und die Räder am Himmel

Ein Prophet am Fluss Kebar, eine Vision von Rädern «mitten in Rädern» — und ein NASA-Ingenieur, der sie widerlegen wollte und nicht konnte.

Um das Jahr 593 vor Christus sitzt ein Mann namens Ezechiel am Fluss Kebar in Babylonien, wohin er mit anderen Judäern verschleppt worden ist. Was er dort erlebt, schreibt er im ersten Kapitel seines Buches nieder — und es ist bis heute eine der rätselhaftesten Passagen der gesamten Bibel.

Was Ezechiel beschreibt

Ein Sturmwind aus Norden. Eine grosse Wolke, «umgeben von Glanz», in ihrer Mitte etwas «wie blinkendes Kupfer». Vier lebende Wesen mit je vier Gesichtern und vier Flügeln. Und dann der Satz, an dem sich seit Jahrhunderten alle festlesen — die Räder:

«Ihr Aussehen und ihre Bauart war, als wäre ein Rad mitten in einem Rade. Wenn sie gingen, konnten sie nach allen vier Seiten gehen und mussten sich nicht wenden, wenn sie gingen.» (Ezechiel 1,16–17)

Räder, die sich in jede Richtung bewegen, ohne zu wenden. Felgen «voller Augen ringsum». Ein Dröhnen «wie das Rauschen grosser Wasser», wenn sich die Wesen bewegen, und Stille, wenn sie stehen. Über allem eine Fläche «wie Kristall» und darauf eine Gestalt auf einem Thron.

Wichtig für alles Weitere: Dass dieser Text so existiert, ist Fakt — er steht seit rund 2’600 Jahren in einem der bestüberlieferten Bücher der Welt. Was er beschreibt, ist Deutungssache. Und genau um diesen Deutungsstreit geht es hier.

Die klassische Lesart: der Thronwagen

Für die jüdische und christliche Theologie ist Ezechiels Schau die Merkaba — die Thronwagen-Vision. Die Räder, Wesen und Flügel sind demnach Bildsprache für die Gegenwart Gottes, die nicht an den Tempel in Jerusalem gebunden ist: eine theologische Botschaft an ein Volk im Exil, verpackt in die Symbolwelt seiner Zeit. Diese Lesart hat zwei Jahrtausende Auslegungsgeschichte hinter sich und ist der Standard der Bibelwissenschaft.

Die andere Lesart: der Ingenieur

1968 veröffentlicht Erich von Däniken — übrigens ein Schweizer — seinen Bestseller «Erinnerungen an die Zukunft» und deutet Ezechiels Räder als Raumfahrzeug. Ein Mann fühlt sich davon so provoziert, dass er sich hinsetzt, um die These zu widerlegen: Josef F. Blumrich, Ingenieur bei der NASA in Huntsville, beteiligt an Saturn-V- und Skylab-Projekten. Ein Mann, der beruflich Landesysteme konstruiert.

Was dann geschieht, gehört zu den bemerkenswertesten Wendungen der ganzen Debatte: Blumrich rechnet nach — und kommt zum gegenteiligen Schluss. 1973/74 publiziert er sein Buch «The Spaceships of Ezekiel» (deutsch: «Da tat sich der Himmel auf»), in dem er die Vision als technisch stimmige Beschreibung eines Landefahrzeugs liest: die Räder als omnidirektionale Laufräder — eine Bauart, auf die er während der Arbeit sogar ein Patent anmeldete —, die «Flügel» als Rotoren, das Dröhnen als Triebwerkslärm beim Flug und die Stille im Stand.

Man muss dazusagen, was die Fachwelt dazu sagt: Bibelwissenschaft und Ingenieurskollegen sind Blumrich überwiegend nicht gefolgt; sein Buch gilt akademisch als Aussenseiterthese. Aber der Fall bleibt einzigartig: Hier hat kein Schwärmer, sondern ein NASA-Konstrukteur mit Widerlegungsabsicht die Räder Ezechiels ernst genommen — und ihnen Konstruktionszeichnungen gewidmet.

Die Bibel kennt mehr solcher Stellen

Wer einmal mit dieser Brille liest, findet weitere Passagen, über die sich die Lager seit Jahrzehnten streiten: der feurige Wagen, der den Propheten Elia «im Wetter gen Himmel» holt (2. Könige 2,11). Die Wolkensäule bei Tag und Feuersäule bei Nacht, die Israel durch die Wüste vorauszieht (Exodus 13,21). Die «Herrlichkeit des Herrn», die mit Getöse auf den Sinai herabfährt. Für die Theologie: Gotteserscheinungen in der Bildsprache des Alten Orients. Für die Ancient-Astronaut-Deutung: Technik, beschrieben von Menschen, die keine Worte dafür hatten.

Was bleibt

Dieses Kapitel behauptet nicht, Ezechiel habe ein Raumschiff gesehen — das wäre genau die schnelle Antwort, die dieses Dossier vermeidet. Es hält etwas Bescheideneres und vielleicht Spannenderes fest: Ein 2’600 Jahre alter Text beschreibt Räder, die sich richtungslos bewegen, Lärm im Flug und Stille im Stand — und ein Raketeningenieur des 20. Jahrhunderts fand das plausibler als erwartet. Die Frage, was der Prophet am Kebar wirklich sah, bleibt offen. Aber sie ist zu gut dokumentiert, um sie nicht zu stellen.

Quellen

  • Die Bibel, Buch Ezechiel, Kapitel 1
  • Josef F. Blumrich: «The Spaceships of Ezekiel» / «Da tat sich der Himmel auf», 1973/74
  • 2. Könige 2,11 (Elias Himmelfahrt)
  • Theologische Standardliteratur zur Merkaba-Vision

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