Ingardia Dossier
Dunkler See bei Mondlicht, ferne Bergsilhouette am Horizont

Kapitel 01

Der Himmel über dem Zürichsee

Eine Nacht im September 2003. Ein Punkt, der sich nicht wie ein Punkt verhält. Und der Beginn eines Notizbuches, das seither läuft.

Es war ein Mittwoch im September 2003. Ich erinnere mich an den Tag, weil ich am Tag davor in der Werkstatt einen Kolbenring an einem alten Volvo 240 ersetzt hatte, was länger gedauert hatte als geplant, und am Mittwochabend war ich froh, dass ich rechtzeitig fertig wurde, um meinen Schwager Markus und seine Frau zu treffen. Wir hatten uns bei einer Bekannten verabredet, die in Erlenbach am Zürichsee wohnt, direkt am Wasser.

Es war ein warmer Spätsommerabend. Die Bisennacht stand noch nicht an. Über dem See hing eine Restwärme, das Wasser war ruhig, fast metallisch. Wir sassen draussen, irgendwann nach elf Uhr, als ich nach oben schaute.

Ich sage „ich schaute nach oben”, aber das ist nicht ganz richtig. Etwas hatte mich nach oben schauen lassen. Eine Bewegung am Rand des Sichtfeldes, vielleicht. Ich habe nie herausgefunden, was es war, das mich getriggert hat.

Was ich dann sah, war ein Punkt. Hell, deutlich heller als ein Stern. Hell genug, dass ich zuerst dachte, jemand steige in einem Heissluftballon auf — der einzige bekannte Vergleich, der mir in dem Moment einfiel. Aber der Punkt bewegte sich. Quer über den See, von Südosten nach Nordwesten, in einer geraden Linie. Die Geschwindigkeit war seltsam: zu schnell für einen Ballon, zu langsam für ein Flugzeug, zu lang anhaltend für einen Meteor.

Ich stiess Markus an. Er folgte meinem Blick. Eine Sekunde später sagte er — und das ist der Satz, den ich nie vergessen habe —: „Ist das nicht zu schnell für einen Stern?”

Dann blieb der Punkt stehen.

Er hielt an. Mitten in seiner geraden Bahn. Ich habe in den zwanzig Jahren seither viele Beobachtungen gemacht, die ich konventionell erklären konnte. Aber diesen Moment kann ich nicht erklären. Der Punkt stand. Mehrere Sekunden. Markus zählte später auf vier oder fünf. Mir kam es länger vor.

Dann verlosch er. Nicht „flog weg” — verlosch. Wie wenn man eine Glühbirne ausschaltet.

Die Bekannte, bei der wir sassen, hatte nichts gesehen; sie war zu der Zeit gerade ins Haus gegangen, um Kaffee zu holen. Markus, ich und ihre Mutter, die mit uns am Tisch sass, hatten den Vorgang gesehen. Drei Zeugen. Ungefähr zwölf Sekunden Sichtung.

Wir sprachen kurz darüber, dann wechselten wir das Thema. Was sollte man dazu sagen? Wir hatten alle das gleiche gesehen. Wir wussten alle, was wir nicht wussten.

Auf der Heimfahrt — Markus fuhr, ich sass auf dem Beifahrersitz — waren wir lange still. Erst kurz vor Zürich sagte er: „Ich werde das nicht weitererzählen.” Ich sagte: „Wem auch.”

So fängt das an.

Was ich am nächsten Tag tat: ich rief bei Skyguide an. Das ist die Schweizer Flugsicherung. Ich fragte freundlich, ob am Vorabend gegen elf Uhr ein ungewöhnliches Echo über dem Zürichsee verzeichnet worden sei. Die Mitarbeiterin am Telefon war professionell. Sie konnte mir aus formalen Gründen nichts sagen. Sie bot mir an, mein Anliegen schriftlich einzureichen. Ich schrieb einen Brief. Die Antwort kam zehn Tage später: keine Auffälligkeiten. Keine bekannten Echos. Es tue ihr leid.

Ich rief auch bei MeteoSchweiz an. Wetterballon-Aufstiege werden dokumentiert. An jenem Abend gab es keinen geplanten Aufstieg in der Region. Auch keinen ungeplanten.

Ich rief bei einem Pilotenfreund an, der damals bei der Crossair flog. Er sagte mir, was ich beschrieb, sei kein bekanntes Flugmuster. Eine 90-Grad-Geschwindigkeitsänderung mit anschliessendem Stillstand existiere bei keinem ihm bekannten konventionellen Luftfahrzeug, sagte er. Auch nicht bei militärischen.

Damit war ich am Ende meiner damaligen Recherche-Möglichkeiten. 2003 gab es kein FlightRadar24. Es gab keine UAP-Hotline. Es gab keine institutionelle Möglichkeit, etwas wie das Gesehene zu melden, ohne in eine Schublade zu fallen, in die ich nicht gehörte. Also liess ich es bleiben.

Aber ich liess es nicht bleiben. Ich kaufte ein Notizheft. Dunkelblau, A5, hartes Cover. In das Heft schrieb ich an dem Sonntag nach der Sichtung das, was ich gesehen hatte, in vier Sätzen. Datum, Uhrzeit, Wetter, Standort. Sachbeschreibung. Zeugen. Keine Interpretation.

Diese vier Felder schreibe ich seit zwanzig Jahren. Das Heft, das damals begonnen hat, ist mittlerweile das fünfte. Sie liegen alle in einer Kartonbox in meinem Arbeitszimmer.

Was an jenem Abend war, weiss ich bis heute nicht. Was ich aus jenem Abend gemacht habe, ist diese Disziplin. Aufschreiben, was war. Nicht ergänzen, was nicht war. Die nächste Beobachtung sauber machen, falls sie kommt.

Sie kam. Mehrmals. Davon handeln die folgenden Kapitel.

Aber das erste Kapitel handelt vom Anfang. Von einer warmen Nacht im September, einem ruhigen See, einem Punkt am Himmel, der nicht das war, was ich kannte — und von der Frage, die seither offen geblieben ist.

Es gibt eine Lehre aus dieser Nacht, und sie ist nicht spektakulär. Sie lautet: man kann etwas Aussergewöhnliches sehen und trotzdem ein gewöhnliches Leben weiterführen. Man kann eine Frage offen halten und sich nicht von ihr aufzehren lassen. Man kann mit der Ungewissheit leben, ohne sie zu beantworten.

Diese Lehre wende ich seither täglich an. Und ich glaube, sie ist das, was dieses Dossier am ehesten weitergeben kann.

Quellen

  • Persönliches Notizheft, Eintrag September 2003
  • Skyguide Korrespondenz, Oktober 2003
  • MeteoSchweiz-Archiv