Kapitel 02
Die Steine
Drei Beobachtungsorte, drei Stein-Funde. Was sich gut erklären lässt — und was nicht.
Drei Tage nach der Sichtung am Zürichsee — ich erwähne sie nochmal, weil sie der Anfang ist — ging ich am Nordufer spazieren. Erlenbach, dann weiter Richtung Küsnacht. Das war ungewöhnlich für mich. Ich bin kein Spaziergänger. Aber etwas an jenem Vorabend hatte mich aus dem normalen Rhythmus gebracht. Ich brauchte Bewegung.
Auf einem Abschnitt direkter Strandlinie, etwa eineinhalb Kilometer von dem Haus entfernt, in dem wir gesessen hatten, fielen mir drei Steine auf.
Sie lagen im Dreieck. Der Abstand zwischen ihnen war ungefähr gleich. Etwa zwei Meter zwischen je zwei Steinen. Einer war faustgross, zwei daumengross. Alle drei waren dunkel, fast schwarz, mit einer matten Oberfläche.
Ich kannte das Ufer in groben Zügen. Ich hatte als Junge dort viele Stunden verbracht. Schwarzer Stein war mir nicht in Erinnerung. Granitischer Stein in Grauschattierungen — ja, das Zürichseeumfeld kennt das. Aber schwarz, mit dieser fast vulkanischen Anmutung — nein.
Ich machte ein Foto mit der Kamera, die ich damals hatte: eine Nikon Coolpix, niedrige Auflösung. Ich nahm einen der kleineren Steine mit. Den faustgrossen liess ich liegen — er war zu schwer, um ihn ohne Weiteres ins Auto zu tragen.
Eine Woche später bin ich mit dem Stein zur ETH Zürich gegangen, ins Institut für Geologie. Eine Studierende der Petrologie, die ich über meinen Bruder kannte, hat ihn unter dem Mikroskop angeschaut. Ihre Diagnose: vermutlich Diabas. Vulkanisches Gestein. Häufig in geologisch jüngerem Vulkanismus zu finden. Im glazialen Ablagerungsmaterial des Zürichsees nicht typisch.
„Nicht typisch” heisst nicht „unmöglich”. Vereinzelte Diabas-Findlinge sind im Mittelland möglich. Aber sie sind selten, und in der spezifischen Strandzone des Nordufers sind sie nicht dokumentiert.
Damit war die Sache noch nichts. Ein Stein, der nicht zur lokalen Geologie passt, ist eine Kuriosität — kein Phänomen. Anekdote, nichts weiter.
Dann kam 2011.
Im Frühling 2011, an einem Sonntag im April, bin ich auf den Pfannenstil gegangen, dem Höhenzug südlich des Zürichsees. Ich hatte am Morgen — auch das gehört zur Aufzeichnungs-Disziplin — eine Beobachtung im Heft notiert: in der Nacht zuvor, etwa zwei Uhr früh, einen Lichtpunkt über dem See, der sich für etwa eine Minute langsam bewegt hatte und dann verschwunden war. Konventionell erklärbar als Satellit. Aber ich konnte es nicht vollständig auflösen, und ich hatte mir vorgenommen, am Sonntag mal hinaufzugehen.
Auf einem Plateau am Südhang oberhalb Meilen, abseits des Wanderweges, lag ein Stein. Kindkopfgross, fast perfekt symmetrisch. Eine gerade, fast geschliffen wirkende Längsachse. Material grau, mit feinen weissen Adern. Nicht aus der lokalen Lithologie, soweit ich erkennen konnte. Liegend, in einer Mulde, fast als wäre er platziert worden.
Ich fotografierte. Ich nahm GPS-Koordinaten. Ich bewegte den Stein nicht. Er liegt heute noch dort, soweit ich weiss.
Den Geologen-Kontakt vom ersten Stein hatte ich verloren. Ich versuchte es bei einem anderen Institut. Niemand wollte sich auf eine Begutachtung anhand von Fotos einlassen. Verständlich.
2018 dann, im Oktober, der dritte Befund. Ich war im Randen, dem Hügelzug nördlich von Schaffhausen, der weit weniger besucht ist als die Klassiker. Ich hatte am Vorabend eine längere Beobachtung gemacht — ein anhaltendes Lichtmuster am nördlichen Horizont, das sich über fast vierzig Minuten erstreckte. Wieder im Heft. Erklärungsversuche zu Hause: möglicher Wettereinfluss, möglicher Satelliten-Cluster — Starlink begann damals gerade aktiv zu werden. Nicht abschliessend geklärt.
Am Folgemorgen ging ich auf die Höhe oberhalb Beggingen. Etwa 800 Meter abseits der nächsten Strasse. Auf einer kleinen Lichtung — vier Steine. Kreisförmig angeordnet. Jeder ungefähr handgross. Alle aus demselben grünlichen Material — eine Art Serpentinit, einer späteren Begutachtung zufolge. Im Randen ortsuntypisch.
Drei Befunde. Drei Sichtungen davor. Ein Muster?
Hier muss ich aufpassen. Drei Anekdoten sind kein Muster. Wer eine Sichtung am Himmel macht und am Tag danach genauer hinsieht, findet eher Auffälligkeiten — das ist Beobachterbias. Es kann sein, dass ich in den zwei Jahrzehnten des Notierens auch andere Steine gefunden habe und nur die drei aufschreibe, die in mein Schema passen. Das wäre Confirmation Bias erster Ordnung.
Ich habe deshalb das Notizheft systematisch durchgesehen. Ergebnis: an sieben weiteren Beobachtungsorten habe ich nichts gefunden. Die drei dokumentierten Stein-Befunde sind die einzigen, an denen ich überhaupt am Folgetag spezifisch nachgesehen habe — aus Lust oder Bauchgefühl. Die anderen sieben kamen ohne Folgemorgen-Suche aus.
Das macht das Bild nicht eindeutig. Es macht es etwas weniger zufällig, aber nicht beweisend.
Was ich daraus zu sagen wage: drei Stein-Funde an drei Sichtungsorten, mit jeweils geologischer Auffälligkeit, deutlich abseits üblicher Verkehrslinien — das ist seltsam genug, es zu dokumentieren. Mehr ist es nicht. Ich biete keine Erklärung an. Ich bitte um eine bessere.
Die Steine sind beschrieben, fotografiert, einer ist in einer geologischen Sammlung. Wer sie sehen will, kann sich melden. Die Daten sind verfügbar. Die Interpretation ist offen.
In meinem Notizheft steht unter dem Eintrag vom Oktober 2018 ein Satz, den ich später dazugefügt habe. Er lautet: „Ich weiss nicht, was diese Steine bedeuten. Aber sie sind kein Zufall, oder sie sind ein sehr lehrreicher Zufall.”
Das ist die ehrlichste Formulierung, zu der ich bisher gekommen bin.
Quellen
- Persönliches Notizheft, Einträge 2003, 2011, 2018
- Geologisches Institut ETH Zürich, Begutachtung Oktober 2003
- Kantonsarchäologie Schaffhausen, Korrespondenz 2018/19