Kapitel 03
Pyramiden & Sternenachsen
Wie ich von einem Buch in einer Zürcher Buchhandlung zu einer eigenen Hypothese gekommen bin — und warum diese Hypothese nichts beweist.
Es war Frühling 2015. Ich hatte einen Termin in Zürich, der ausfiel, und ich hatte zwei Stunden Zeit. Die Stunden zu verbringen ohne etwas zu tun fällt mir schwer — eine Eigenheit, die wahrscheinlich mit der erzwungenen Veränderung in meinem Berufsleben zu tun hat. Ich ging in eine Buchhandlung am Bahnhof.
Im Regal „Mystery / Grenzwissenschaften” — ein Regal, in das ich normalerweise nicht hineingucke — stand ein Buch mit einem schlichten Einband. „The Orion Mystery” von Robert Bauval und Adrian Gilbert. Erstausgabe 1994, deutsche Übersetzung später. Ich nahm es heraus, las den Klappentext, blätterte hinein.
Die zentrale These war einfach: die drei grossen Pyramiden von Gizeh sind in ihrer Anordnung dem Gürtel des Sternbilds Orion nachgebildet, ausgerichtet auf einen Zeitpunkt etwa 10.500 v. Chr. Das ist viertausend Jahre vor der konventionell akzeptierten Bauzeit von Gizeh.
Ich kaufte das Buch. Ich las es in einer Woche.
Das Buch hat zwei Schwächen, die mir auch als Laie schnell aufgefallen sind. Erstens: die behauptete Korrelation ist astronomisch nicht ganz präzise. Lehner und andere haben darauf hingewiesen, dass die Pyramiden-Konstellation und der Orion-Gürtel zwar ähnlich, aber nicht deckungsgleich sind. Zweitens: die Datierung auf 10.500 v. Chr. beruht nicht auf direkter archäologischer Evidenz, sondern auf Schlussfolgerungen aus astronomischen Modellrechnungen. Das ist methodisch schwach.
Aber das Buch hat auch zwei Stärken. Erstens: einzelne Beobachtungen — etwa die Ausrichtung der sogenannten „Sternenschächte” in der Cheops-Pyramide auf bestimmte Fixsterne — sind innerhalb der konventionellen Egyptologie unbestritten. Zweitens: die übergeordnete Frage, ob das geometrische Wissen mehrerer alter Kulturen eine gemeinsame Quelle gehabt haben könnte, ist nicht so leicht zu beantworten, wie die akademische Standardposition behauptet.
Ich begann zu lesen. Über Monate. Lehner für die Standardposition. Krupp, „In Search of Ancient Astronomies”, für die ältere akademische Auseinandersetzung mit astronomischer Architektur. Hancock, „Magicians of the Gods”, für die alternative Linie — kritisch gelesen, weil Hancock zu schnell aus Beobachtung Hypothese und aus Hypothese Wahrheit macht.
Dann fuhr ich nach Gizeh. Im November 2017, eine Woche. Allein. Es ist kein Ort, der einen kaltlässt, unabhängig davon, was man von ihm erwartet. Die schiere Grösse, die Präzision der Steinbearbeitung, die Tatsache, dass Menschen vor viereinhalbtausend Jahren das gebaut haben — das stellt jede vorgefasste Meinung infrage.
Aber Gizeh hat mich nicht zur Hypothese gebracht. Gizeh hat mich nur in den Möglichkeitsraum zurückgeführt: wir wissen nicht alles. Das ist nicht dasselbe wie: wir wissen das Falsche.
Zur eigenen Hypothese kam ich erst 2018. Im Oktober, am Tag, an dem ich auf der Randen-Höhe oberhalb Beggingen die kreisförmig angeordneten vier Steine fand — Sie kennen die Geschichte aus dem vorigen Kapitel —, habe ich aus Neugier mit dem Kompass die Hauptachsen des Steinkreises ausgemessen.
Eine der vier Achsen — von Stein 1 zu Stein 3, also durch das Zentrum hindurch — wies in einem Winkel, der mir bekannt vorkam. Ich überprüfte das später am PC: die Achse zeigte fast exakt auf den nördlichen Himmelspol. Den Polarstern, in heutiger astronomischer Sprache.
Das ist im Mittelland und im Jura nicht spektakulär. Alte Wege, Kapellen, Burgen folgen oft astronomischen Linien — bewusst oder zufällig. Die Frage ist nicht, ob es eine astronomische Linie gibt. Die Frage ist, ob der Stein-Kreis bewusst angelegt wurde, und wenn ja, von wem.
Ich habe diese Frage nicht beantworten können. Ich habe Anfragen an das Kantonsarchäologische Amt Schaffhausen gestellt. Antwort: an dieser Stelle ist keine archäologisch dokumentierte Anlage bekannt. Vier Steine im Kreis können vieles sein — eine alte Weidemarkierung, ein kindlicher Bau aus dem letzten Jahrhundert, eine zufällige Anhäufung durch glaziale Vorgänge. Eine astronomisch motivierte vorgeschichtliche Konstruktion ist nicht ausgeschlossen, aber auch nicht naheliegend.
Hier bleibt meine Hypothese stehen. Ich behaupte nichts. Ich beschreibe drei Dinge: erstens, dass mehrere alte Kulturen über grosse Distanzen astronomische Ausrichtungen in ihre Bauten eingearbeitet haben — das ist Fakt. Zweitens, dass die Theorie von Bauval und anderen, die eine gemeinsame Quelle für dieses Wissen postulieren, akademisch unakzeptiert, aber nicht völlig widerlegt ist — das ist die Lage des Streits. Drittens, dass ich an einem Schweizer Standort eine kleine Stein-Anordnung gefunden habe, die einer astronomischen Achse folgt — das ist meine Anekdote.
Anekdote plus Streit plus Fakt ergibt keine Theorie. Es ergibt eine offene Frage.
Diese offene Frage ist mir wichtig. Nicht, weil ich denke, dass die Pyramiden ausserirdisch sind — diese Variante halte ich für unwahrscheinlich, und sie ist auch nicht das, worum es Bauval und seriösen alternativen Autoren geht. Mir ist die Frage wichtig, weil sie ein Modell für den Umgang mit Wissenslücken ist.
Es gibt Dinge, die wir nicht wissen. Die ehrliche Antwort darauf ist nicht: schnell eine Erklärung. Die ehrliche Antwort ist: in Ruhe weitersuchen.
Pyramiden und Sternenachsen sind ein gutes Übungsfeld dafür. Sie machen einen demütig — und gleichzeitig wachsam.
Was ich aus diesem Kapitel weitergebe: eine Geometrie, die mir aufgefallen ist. Eine Theorie, die ich nicht für richtig halte, aber auch nicht für widerlegt. Eine Frage, die ich offen lasse.
Das nächste Kapitel handelt von einer Frage, die nicht mehr offen ist — sondern, im Gegenteil, von einer Frage, die seit 2017 institutionell beantwortet wird.
Quellen
- Bauval / Gilbert: The Orion Mystery, 1994
- Mark Lehner: The Complete Pyramids, 1997
- E. C. Krupp: In Search of Ancient Astronomies, 1977
- Graham Hancock: Magicians of the Gods, 2015
- Kantonsarchäologie Schaffhausen, Auskunft November 2018