Ingardia Dossier
Akten in einem Archivschrank, dokumentarische Aufnahme

Kapitel 04

Disclosure — die Stille bricht

Was sich seit dem 16. Dezember 2017 verändert hat. Und was nicht.

Den 16. Dezember 2017 erinnere ich nicht so genau wie die Nacht am Zürichsee. Aber ich erinnere die Uhrzeit. Es war gegen halb elf abends. Ich sass an meinem Schreibtisch in der Wohnung, im Arbeitszimmer mit dem Buch- und Heftregal, und scrollte durch die New York Times Online-Ausgabe. Ich tat das fast täglich — eine Gewohnheit, die mit meiner Krankschreibung kam, weil ich plötzlich mehr Zeit hatte, mit dem Weltgeschehen mitzugehen.

Der Artikel hiess: „Glowing Auras and ,Black Money’: The Pentagon’s Mysterious U.F.O. Program”. Verfasst von Helene Cooper, Ralph Blumenthal und Leslie Kean. Veröffentlichung: 16. Dezember 2017, in der Online-Ausgabe.

Ich las den Artikel zweimal. Beim ersten Mal, weil ich nicht glauben konnte, dass die NYT — die NYT — einen Artikel über ein geheimes UFO-Programm des US-Verteidigungsministeriums veröffentlichte. Beim zweiten Mal, weil ich verstehen wollte, was genau berichtet wurde.

Das Programm hiess Advanced Aerospace Threat Identification Program. AATIP. Es war von 2007 bis offiziell 2012 vom Pentagon finanziert worden. Es hatte UAP-Sichtungen militärischen Ursprungs ausgewertet. Es hatte Videoaufnahmen gesammelt. Drei dieser Videoaufnahmen wurden mit dem Artikel zusammen freigegeben.

Eines der Videos zeigte den Vorfall, der später als „Tic-Tac” bekannt werden sollte: ein Objekt, das von der USS Nimitz und zwei F/A-18-Piloten 2004 vor der kalifornischen Küste beobachtet wurde. Manöver, die mit bekannter Flugtechnik nicht erklärbar sind. Aufnahmen mit dem Infrarot-System des Jets. Pilotenkommentare, in denen man hören kann, wie ihnen die Sprache abhandenkommt.

Ich sass an meinem Schreibtisch und schaute die Videos. Vier-, fünfmal. Ich kannte solche Aufnahmen aus dunklen YouTube-Kanälen. Aber diese hier kamen aus dem Pentagon. Über die NYT. Mit Namen, mit Pilotenidentitäten, mit institutioneller Verankerung.

Etwas verschob sich an jenem Abend. Nicht in mir — ich hatte schon länger keine Vorbehalte gegen das Thema. Sondern im öffentlichen Raum.

Der nächste grosse Schritt kam dreieinhalb Jahre später. Am 25. Juni 2021 legte das Office of the Director of National Intelligence dem US-Kongress den ersten systematischen UAP-Bericht vor. 144 dokumentierte Vorfälle aus militärischer Quelle, zwischen 2004 und 2021. Von den 144 konnte ein Vorfall als Wetterballon erklärt werden. Die übrigen 143 blieben offen.

Ich las den Bericht — der öffentliche Teil ist neun Seiten lang — am Vormittag, an meinem Wohnzimmertisch. Ich machte mir Notizen. Ich versuchte, neutral zu bleiben. Aber das Gefühl, das mich überkam, war nicht neutral. Es war das Gefühl, dass eine Tür, die fünfundsiebzig Jahre lang verschlossen war, ein Stück weit aufgestossen worden war.

Ich rief Markus an, meinen Schwager, mit dem ich 2003 am Zürichsee gesessen hatte. Wir telefonierten lange. Er sagte mir den Satz, der mir geblieben ist: „Wir hatten recht, dass wir es nicht weitererzählt haben. Aber wir hatten unrecht, dass wir es vergessen wollten.”

Dann, am 26. Juli 2023, kam die Grusch-Anhörung. Vor dem US-Repräsentantenhaus, House Oversight Subcommittee. David Grusch — ehemaliger Geheimdienstoffizier, vom National Reconnaissance Office, von der National Geospatial-Intelligence Agency — sagte unter Eid aus. Seine Aussage: die US-Regierung verfüge über nicht-menschliche biologische Materialien und über rückentwickelte Flugkörper. Sie verberge dies seit Jahrzehnten, auch vor dem Kongress.

Ich sah den Stream live. Es war drei Uhr nachmittags Schweizer Zeit. Ich öffnete einen YouTube-Link, der live übertrug. Grusch sass an einem hellen Holztisch, vor einer amerikanischen Flagge. Er sprach ruhig. Er nannte keine Namen. Er sagte, er habe Belege in geschlossenen Sitzungen vorgelegt.

Was er sagte, war erschütternd. Was er nicht sagte — was niemand sehen konnte —, war ebenso wichtig. Es gab keine öffentlichen Belege. Die geschlossenen Sitzungen sind geschlossen. Die Belege, falls sie existieren, kennt der Kongress, nicht die Öffentlichkeit.

Hier ist der Punkt, an dem ich aufpassen musste. Eine Insider-Aussage ohne öffentliche Belege ist keine Wahrheit. Sie ist eine Behauptung im Raum. Ich war vor 2023 skeptisch gegenüber solchen Aussagen — von Lazar in den 1990ern bis Elizondo nach 2017. Ich war es auch gegenüber Grusch. Eine Aussage unter Eid macht nicht automatisch wahr, was ausgesagt wird; sie macht den Aussagenden nur strafrechtlich haftbar im Fall der Lüge. Das ist eine andere Form von Bürgschaft, keine Wahrheitsgarantie.

Aber die Bürgschaft ist nicht nichts.

Was Disclosure verändert hat, ist nicht die Datenlage. Die ist im Wesentlichen, was sie 2017 schon war — mehr Berichte, mehr Auswertungen, kein „smoking gun”, das öffentlich zugänglich wäre. Was sich verändert hat, ist die institutionelle Einordnung. Vor 2017 war das Thema in den USA Boulevard und Comedy. Nach 2017 hat das Pentagon offiziell ein Programm, der Kongress hört an, das ODNI publiziert.

Diese Verschiebung ist real. Sie ist auch begrenzt. Das AARO, das 2022 als Nachfolge-Programm eingerichtet wurde, hat 2024 einen Bericht vorgelegt, der die These nicht-menschlicher Technologie zurückweist. Kritiker — auch innerhalb der ehemaligen Insider-Gruppe — werfen dem AARO methodische Verkürzung vor. Ob das berechtigt ist, kann ich von aussen nicht beurteilen.

Was ich aus dieser Phase mitnehme: Disclosure ist kein Ereignis. Es ist ein Prozess. Mit Vor- und Rückschritten. Mit Aussagen, die geprüft werden müssen. Mit institutionellen Verschiebungen, die echt sind, aber nicht ausreichend.

Wir sind in diesem Prozess. Wo er endet, weiss ich nicht. Aber dass er begonnen hat, ist sichtbar.

Für jemanden, der in der Schweiz an einem Zürichseeufer sitzt und seit zwanzig Jahren Notizen führt, ist das eine Veränderung, die ich nicht mehr für möglich gehalten hatte.

Was sie für die offene Frage des Dossiers bedeutet, weiss ich nicht abschliessend. Sie macht sie weniger einsam. Mehr ist nicht erreicht. Aber das ist auch genug.

Quellen

  • Cooper / Blumenthal / Kean: NYT, 16. Dezember 2017
  • ODNI Preliminary Assessment, 25. Juni 2021
  • Grusch-Anhörung, US House Oversight Subcommittee, 26. Juli 2023
  • AARO Historical Record Report, Volume I, 2024